Corona in Russland

‚Impfen hilft sowieso nicht‘

Die Moskauer fürchten sich nicht vor dem Virus, sondern vor dem Impfen

Impfen Corona

Die Straßen-Cafés sind wieder voll, am Grab des Unbekannten Soldaten an der Kreml-Mauer drängen sich die Menschen, um die Wachablösung zu beobachten. Von Distanz oder Abstand keine Spur. Auch nicht bei einer Oldtimer-Parade vor dem Hotel Metropol. Schulter an Schulter stehen die Moskauer am Straßenrand. Auf der Moskwa fahren die Ausflugsdampfer wie eh und je, Familien genießen mit Freunden das sommerliche Wetter.

In den Jazz-Clubs und in den Bars wird wieder Musik gemacht und außer den Kellnern trägt niemand eine Maske! „Wie ist das möglich?“, frage ich eine ältere Dame. „Wir haben Corona doch schon gehabt“, lautet die Antwort. „Die meisten waren schon krank.“

Erschreckende Gleichgültigkeit

Die offizielle Statistik gibt darüber keine genaue Auskunft, aber Bürgermeister Sobjanin hat einmal angedeutet, dass die Stadt fast „durchseucht“ sei. 60 bis 70 Prozent der Moskauer hätten COVID-19 überstanden, heißt es. Man nimmt die Krankheit hin – es herrscht eine gewisse Art von Gleichgültigkeit, die mich erschreckt.

In Radio und TV wird dazu aufgerufen, die Coronaregeln einzuhalten, aber im Alltag hat man sich längst daran gewöhnt, sie zu umgehen. „Auch Masken bringen ja nicht viel“, meinte eine Bekannte, „da atmet man doch nur seine eigenen Bakterien ein. Ich nehme das hier.“ Und zeigt mir eine Art Eukalyptus-Tinktur, die sie sich stündlich in die Nase reibe; damit sei sie gegen Viren jeglicher Art geschützt.

Nicht, dass die Russen Corona-Leugner wären. Nur sechs Prozent meinen, es handele sich bloß um eine Grippe. Aber: Die meisten Leute glauben, die ganze Sache sei vorüber. Nur noch dunkel erinnert man sich an den Lockdown im Frühjahr 2020.

Medien berichten nun über Erfolge

In den Medien findet man jetzt eine Berichterstattung, die auf Erfolge verweist. Wer alles wieder gesund wurde, wo eine neue Klinik entsteht, wie hoch die Impfquote ist. Das ist der wunde Punkt der Geschichte: Die Russen wollen sich nicht impfen lassen. Was ich als Ausreden zu hören bekomme, kann einen in Verzweiflung versetzen. „Da wird doch ein Chip eingesetzt“, so die eine Behauptung. Oder: „In drei bis fünf Jahren stirbt man durch die Impfung.“ Oder: „Mittlerweile ist die indische Variante bei uns, da hilft Impfen sowieso nicht.“

Am häufigsten ist zu hören: „Niemand weiß genau, was die einem spritzen. Besser man wartet noch ab.“ Im Kreml-kritischen Radiosender Echo Moskwij meint ein Politologe: „Unsere Menschen glauben, wenn etwas umsonst vom Staat gegeben wird, dann kann das nichts taugen.“ Außerdem habe der Staat den normalen Bürger so oft belogen, warum soll man jetzt der Regierung glauben.

Irgendwie scheint der Politologe den Kern des Problems erkannt zu haben: Was von oben verordnet wird, das kann nicht gut sein. Die Ankündigung, jedem Rentner, der sich impfen lässt, eine Prämie von 1000 Rubel (etwa zwölf Euro) zu zahlen, verstärkt die Vorbehalte noch. „Wenn sie uns Geld dafür geben“, so ein 70-Jähriger, „dann kann das doch nichts taugen. Die wollen uns Rentner loswerden, denn die Kassen sind leer.“

Selbst Präsident Putin hat ja lange mit dem Impfen gewartet. Eine öffentliche Zur-Schau-Stellung des Stichs in den Oberarm, wie sie zum Beispiel Boris Johnson praktizierte, lehnte er strikt ab. Bisher sind nur acht Prozent der Russen insgesamt geimpft. In den Republiken des Kaukasus liegt die Impfquote bei Null!

„Auf keinen Fall darf man etwas in den Körper lassen, das man nicht kennt“, meint meine Nachbarin. „Die Impfstoffe, die bei euch verabreicht werden, sind noch viel gefährlicher.“ Dagegen anzureden ist völlig sinnlos – Überzeugungsarbeit ist ein vergeblicher Versuch.

Dabei gilt Sputnik V als vertrauenswürdiges Vakzin, das Russland mittlerweile in alle Welt exportiert. Während die Russen selbst den Arm für die Spritze nicht hinhalten wollen, wird „Sputnik“ in südamerikanische, afrikanische und asiatische Staaten exportiert. Die Amerikaner lassen ihren Impfstoff kaum aus dem Land und für viele ärmere Staaten ist Biontech oder AstraZeneca zu teuer.

Russland aber hat sich zum Exportweltmeister gemausert, der Preis ist niedrig, in belieferten Ländern ist die Impfquote hoch. Sputnik für die halbe Welt! Ein großer Imagegewinn für den Kreml. Nur daheim hapert es mit dem Vertrauen.

Von Inzidenzwerten noch nie gehört

Gestern erreichte mich noch die Nachricht eines befreundeten Ehepaars: Sie ist leitende Redakteurin bei einer führenden russischen Fernseh-Gesellschaft. Sie und ihr Mann haben jetzt COVID, sagt sie am Telefon, aber ich sollte mir ja keine Sorgen machen, es wäre überhaupt nicht schlimm. Ein bisschen Fieber bei ihr, ihm gehe es nicht so besonders, aber das sei bei Männern ja zumeist so – die wären sowieso eher wehleidig.

Warum sie sich nicht habe impfen lassen, frage ich vorsichtig. Die Antwort: „Um Gottes willen, man weiß ja nicht, welche Nebenwirkungen es gibt!“ Damit war die Diskussion beendet.

Der Bürgermeister von Moskau verkündet, dass im Moment die Zahlen steigen, aber das sei nur saisonbedingt durch die Maifeiertage so. Im Prinzip habe Moskau Corona gut bewältigt. Inzwischen ist die Rede von der dritten Welle, die jetzt auf die Hauptstadt oder St. Petersburg zurollt, und davon, dass in den Krankenhäusern die Zahl der Schwererkrankten steigt. Zwischen den offiziellen und den wirklichen Todeszahlen gebe es große Unterschiede, kommentieren kritische Zeitungen, die Wirklichkeit sei grausam.

Dann wieder meldet Gesundheitsminister Muraschko, man habe die Lage jetzt unter Kontrolle, kein Grund zur Beunruhigung. Von Inzidenzwerten habe ich hier noch nie etwas gehört! Im Übrigen ist Russland nur noch einfaches Risikogebiet. Weder die, die einreisen, müssen in Quarantäne (es sei denn, sie reisen über Großbritannien) noch die, die von Russland nach Deutschland fliegen. Ob die offiziellen Zahlen stimmen? Es gibt keine anderen. „Alternative Fakten“? Ich habe den Eindruck, die Wahrheit – sollte es denn eine zweite geben – will auch niemand so richtig wissen!

Dieser Beitrag ist ursprünglich am 26. Mai 2021 auf der Webseite des Volksbunds Deutsche Kriegsgräberfürsorge erschienen.