Krieg in der Ukraine

Auch russische Kinder sind Geiseln Putins

Putins Krieg ist auch ein Angriff auf alles, was in Russland gut und frei ist

Olga Martynova über Krieg in der Ukraine
Putins Krieg kennt viele Opfer, schreibt Olga Martynova.

Der Krieg macht sprach­los und wütend. Trotz­dem wird in diesen Tagen viel Wich­ti­ges gesagt, auch von Auto­ren und Künst­lern. Viele appel­lie­ren an Poli­ti­ker. Egal, ob das hilft oder nicht, das ist wahr­schein­lich notwen­dig.

Ich werde das nicht wieder­ho­len, ich appel­lie­re an die „ein­fachen“ Menschen und will etwas sagen, das momen­tan irrele­vant zu sein scheint, viel­leicht sogar scho­ckie­rend, aber wich­tig ist: Soli­da­ri­tät braucht jetzt nicht nur die Ukrai­ne, sondern brau­chen auch die Menschen in Russ­land, die genau­so ange­grif­fen und Geiseln eines Wahn­sinns sind.

Die jungen Menschen, die jetzt massen­haft in russi­schen Städ­ten gegen den Krieg protes­tie­ren und fest­ge­nom­men werden, sind Opfer dieses Krie­gs, fried­li­che, gute, ehrli­che Kinder. Das ist eine Gene­ra­ti­on, die in Jahr­zehn­ten groß gewor­den ist, die man viel­leicht die frei­es­te Zeit in der Geschich­te Russ­lands nennen darf.

Sie wollen nicht zurück in die sich wieder­ho­len­de Geschich­te. Man hat auch um sie große Angst. Und große Hoff­nung auf sie, wie schwie­rig es auch ist, momen­tan von irgend­wel­cher Hoff­nung zu spre­chen.

Diesen Kindern wird ihre Zukunft geraubt. Und der Zukunft werden diese Kinder geraubt.

‚Auf eure und unsere Frei­heit!‘

Als 1968 die Panzer des Warschau­er Pakts in die Tsche­cho­slo­wa­kei einmar­schiert waren, demons­trier­ten acht Menschen auf dem Roten Platz in Moskau dage­gen, die inner­halb von weni­gen Minu­ten verhaf­tet wurden. Unter ihnen war die Dich­te­rin Natal­ja Gorbanjew­skaja, die ich glück­li­cher­wei­se in ihren späten Jahren kennen­ler­nen durfte, sie wurde zuerst in der Zwangs­psych­ia­trie behan­delt und konnte später nach Frank­reich emigrie­ren.

Es gab damals einen gemein­sa­men Spruch der russi­schen, osteu­ro­päi­schen und in den natio­na­len Sowjet­re­pu­bli­ken leben­den Intel­lek­tu­el­len: „Auf eure und unsere Frei­heit!“ Man sollte sich an diesen Spruch erin­nern. Heute sind es Tausen­de, die in Russ­land gegen den Einmarsch in die Ukrai­ne protes­tie­ren; in dem Moment, in dem ich das nieder­schrei­be, sind rund sechs­tau­send fest­ge­nom­men worden.

Durch einen Zufall las ich am Vortag des Krie­gs in Günther Anders’ Tage­buch, wie er 1941 in den USA in einem Spei­cher­la­ger für Kostü­me in Holly­wood als „Leichen­wä­scher der Geschich­te“ arbei­tet, weil er als „enemy alien“ und „unskil­led worker“ einge­stuft worden war. Er putzt die ganze euro­päi­sche Geschich­te, von grie­chi­schen Sanda­len bis zu Nazi­stie­feln, mit dem Gefühl, dass es womög­lich bald gar kein Europa außer diesem Spei­cher­la­ger geben werde.

Paral­lel las ich die Tage­bü­cher von André Gide vom Anfang des Zwei­ten Welt­kriegs, in denen er über den Unter­gang der ganzen Kultur spricht. Das passte erschre­ckend zu den Gesprä­chen mit meinen russi­schen Freun­den: Sie sagen, dass alles, wofür sie gelebt haben, sinn­los gewor­den ist.

Bitte nicht über ‚die Russen‘ richten

Ehrlich gesagt, ärgert mich, wie einfach es ist, zum eige­nen Social-media-Profil ein Fähn­chen hinzu­zu­fü­gen, ohne etwas zu riskie­ren und ohne sich weite­re Ge­danken darüber zu machen, aber wenn, dann sollte eigent­lich auch die russi­sche Triko­lo­re zu diesen Soli­da­ri­täts­fähn­chen hinzu­ge­sellt werden, die die sowje­ti­sche Fahne abge­löst hat und Symbol der Frei­heit und Welt­of­fen­heit war. Sie wird in diesen Tagen in den Dreck getre­ten.

Fakt ist, dass am 24. Febru­ar auch die Menschen in Russ­land ange­grif­fen wurden, denn das ist ein vernich­ten­der Angriff auf alles, was in diesem Land gut und frei ist. Nicht acht Menschen auf dem Roten Platz, in ganz Russ­land gehen Menschen auf die Stra­ßen, protes­tie­ren, werden verhaf­tet, verprü­gelt, riskie­ren ihren Studi­en- und Arbeits­platz, ihre Frei­heit, viel­leicht ihr Leben.

Vor eini­gen Jahren habe ich in einem klei­nen Thea­ter in London ein Thea­ter­stück gese­hen, das über den gesell­schaft­li­chen Druck auf Homo­se­xu­el­le in England sprach, der zu diesem Zeit­punkt bereits zur Geschich­te gehör­te. Beim Schluss­ap­plaus hiel­ten die wunder­ba­ren Londo­ner Schau­spie­ler Plaka­te hoch: „To Russia with Love!“

Russ­land hatte in keiner Weise mit dem Thea­ter­stück etwas zu tun, aber es war klar, dass das ein Soli­da­ri­täts­akt war, nicht nur mit den Schwu­len, sondern mit allen Menschen in Russ­land, die unter der dorti­gen Kehrt­wen­de in Rich­tung angeb­lich „tradi­tio­nel­ler Werte“ leiden. Solche Gesten ändern viel.

Wenn wir im Westen jetzt nicht kriegs­pro­pa­gan­da­mä­ßig über „die Russen“ spre­chen, sondern an Menschen denken, die sich in Russ­land von einem wahn­sin­ni­gen Geisel­neh­mer ange­grif­fen fühlen, wird die Welt morgen, wenn der Spuk vorbei sein wird – und ich hoffe und bete, dass er bald vorbei sein wird –, etwas besser ausse­hen, als wenn wir den Krieg in unse­ren Köpfen fort­set­zen.

Dieser Beitrag ist am 1.3.2022 zuerst erschienen in: Frankfurter Allgemeine Zeitung. Wir danken der Autorin für die Erlaubnis, ihn auch auf KARENINA veröffentlichen zu dürfen.