Romantik in Moskau

Träume von Freiheit

Höhepunkt des Deutschlandjahrs: Romantik-Schau mit Gemälden aus Dresden in der Tretjakow-Galerie

von Stefan Trinks
In Moskau zu sehen: Silvester Schtschedrins „Grotta di Matromania auf Capri“

Die Gretchenfrage, ob die Dresdner Sammlungen in Zeiten permanenter putinscher Grenzüberschreitungen ein Gutteil ihrer Romantiker nach Moskau ausleihen sollten, beantwortet der Ausstellungstitel: „Träume von Freiheit“. Obgleich vor vier Jahren konzipiert, trifft die Gegenüberstellung von deutschen und russischen Romantikern plus ihren aktuellen Nachfolgern mit dem ewigen Ringen um Freiheit ins Herz, damals wie heute, hier wie dort. Denn wäre es denkbar, dass es keinen politischeren Stil gibt als die dessen selten verdächtigte Romantik, die unseren modernen Kunstbegriff wie nichts sonst prägte?

Die Romantik ist kein klar umgrenzter Kunststil, eher eine innere Haltung. Der Satz Caspar David Friedrichs, der Künstler solle nur malen, was er vor sich sieht, wenn er auch etwas in sich sieht, bedingt ein uneigentliches Malen, bei dem eine Landschaft nie nur der Abklatsch einer gesehenen Landschaft ist.

In beiden Ländern historisch eingespannt zwischen den Napoleonischen Kriegen mit dem Brand von Moskau 1812 (vom Russland-Feldzug sind die originalen Stiefel Napoleons zu sehen, aus dem Besitz des romantischen Grünen-Gewölbe-Inspektors und Schuhsammlers Peter von Block mit Geniekult-Tick), dem gescheiterten Aufstand der Dekabristen 1826 sowie der Einigkeit und Recht und Freiheit suchenden Revolutionen der dreißiger und vierziger Jahre des neunzehnten Jahrhunderts, war die Romantik unausgesetzte Suche, Utopie, Zweifel und Zerrissenheit; in Russland oft einen Tick verankerter im Glauben und Spiritualität, statt derer deutsche Romantiker nach der Säkularisation 1803 nur eine vage Kunstreligion hatten.

Kongenial wird diese permanente Suchbewegung in der Moskauer Ausstellungsarchitektur Daniel Libeskinds verkörperlicht: Zwei Spiralen werden von mehreren seiner „Blitze“ des Berliner Jüdischen Museums geschnitten. Dadurch ergibt sich an jedem Schnittpunkt die Notwendigkeit der Neuentscheidung. Spätestens nach der dritten aber hat man jeden roten Faden in diesem Labyrinth verloren und folgt nur noch der Intuition – ein Gewinn, der das Entdecken von Bildzwillingen ermöglicht.

Die ersten Bilder vor dem Sichverlaufen betonen noch unter aufgeladenen Überschriften wie „Erfindung der Heimat“ oder „Wahlheimat Italien“ – ein gemeinsamer Nenner der deutschen und russischen Romantiker - das politische Potential auch der idyllischsten Landschaft: Gegenüber von Anton Iwanows „Die Insel Walaam bei Sonnenuntergang“ (1845) nahe dem nicht nur für deutsche Ohren schrillenden Ladogasee – nach dem Zweiten Weltkrieg wurden dort Kriegsinvaliden interniert – hängt Ludwig Richters „Überfahrt am Schreckenstein“, acht Jahre zuvor entstanden: Drei deutlich differenzierte Generationen sitzen hier in einem Boot und brechen ebenso zu neuen Gestaden auf wie die Menschlein im Boot bei Iwanow.

Und von wegen: Wenn Gottfried Seume heute noch für seinen Fußmarsch von Rostock nach Syrakus bewundert wird, muss man da nicht auch die russischen Künstler rühmen, die auf ihrem Weg zum Sehnsuchtsort Rom noch bei der Sixtinischen Madonna und Caspar David Friedrich in Dresden haltmachten? Oft waren sie zuvor wie Archip Kuindschi mit seinen Gerhard-Richter-artigen Landschaftsbändern aus dem Süden des Landes vom Fluss Dnjepr bis nach Moskau oder Petersburg zu Fuß gekommen, sich so im Wortsinn die Eigenheiten der Landschaften, die sie hernach immer wieder malen würden, erlaufend. Die sogenannten Wanderkünstler sind in Russland ohnehin ein feststehender Begriff für eine ganze Malergruppe.

Oft sagen auch Ausstellungsplakate viel über Intentionen. Für Moskau ist dies Maxim Worobjows „Vom Blitz gespaltene Eiche“ aus dem Jahr 1842, ein Höhepunkt der russischen Bewegung, während die vierziger Jahre in Deutschland bereits die Zeit der Spätromantik einläuten, mit dem Fanal der gescheiterten Revolution 1848, nach der mancher Romantiker ins politisch desillusionierte Biedermeier abgleitet oder in Freiheitsreiche wie Amerika flieht. Das fast allen Russen von Kindheit an vertraute Bild Worobjows mit der gespaltenen Eiche wurde immer wieder politisch gelesen, wenngleich der schmerzhaft grelle Blitz vor Furcht einflößend dunklem Gewitterhimmel, der dem menschenähnlich wirkenden Baum seinen mächtigsten Ast buchstäblich abpeitscht, primär den persönlichen Schicksalsschlag des Verlusts seiner Frau durch plötzlichen Tod verkörpert.

Schwarzromantische Spiele

Es bleibt ein Missstand, dass wir von der annähernd gleichzeitigen Romantik in Russland, die doch dem Klischee folgend der russischen Seele so sehr entspricht, fast nichts wissen. Selbst von den herausragendsten ihrer Künstler können wir kaum die Namen nennen. Dabei ist ein Maler wie Alexander Iwanow eine Entdeckung: Der Kopf seines „Johannes der Täufer“ war zuvor eine Frau, die zahlreichen ausgestellten Skizzen zeigen die schrittweisen Metamorphosen – fast wie bei Friedrichs Rückenfiguren. Aus einer ungeheuer modern gemalten liegenden Nackten schält sich in Deckweiß eine zweite Figur heraus und lässt das kleine Querformat von etwa 1831 wie eine Aurafotografie um 1900 wirken. Wenngleich es sich hier „nur“ um eine Ölstudie handelt, wandeln sich auch die Gestalten seiner monumentalen Formate wie eben „Christi Erscheinung vor dem Volk“ noch innerhalb des Bildes weiter.

Solche schwarzromantischen Spiele mit Identität, Aus-dem-Körper-Treten und Gestaltwandel, die man in der Literatur der Zeit von E. T. A. Hoffmann bis Mary Shelleys „Frankenstein“ kennt, erklären vielleicht auch das krudeste Bild der Schau: Von einem unbekannten Künstler um 1848 aquarelliert, blickt man von weit oben aus einer Art Schutzengelperspektive in eine schmale Studierstube hinein, die durch die Überlängung der wandtiefen Fenster optisch zum Schacht wird und in dem sich die ohnehin schon schlanken Biedermeierbeine der Stühle und Schreibpulte spinnenartig dehnen und verjüngen.

Mit diesen Zwillingsseelen, die in allem stecken und herausbrechen können, im Hinterkopf, wird Alexander Iwanows spektakulärer „Zweig“, der nichts anderes als diesen vor klarem Azur zeigt, noch revolutionärer. Auch sein „Der Grund“ (das russische potschwa meint Boden und Grund) schillert verräterisch in eigentlich einander ausschließenden Farbtönen wie Zinnoberrot, Grünbraun und Beige zugleich.

Wie Doppelgänger könnte man Silvester Schtschedrins „Grotta di Matromania auf Capri“, Karl Brjullows flirrendes „Fort Pico auf Madeira“ und abermals Iwanows „Treppe“ nur schwer von Carl Blechens Amalfi-Bildern oder dessen in Moskau gegenübergestellten „Galgenberg bei Gewitterstimmung“ scheiden, vor allem da bei Iwanow die sonnegleißenden Stufen ähnlich ex negativo gebildet sind, wie in Blechens Amalfi-Skizzen die Häuser im Betrachterauge durch Aussparung auf dem Papier entstehen.

Dass bei genauem Hinsehen doch die Unterschiede selbst im scheinbar direkt Übernommenen überwiegen, zeigt sich beim monumentalen „Blick auf die Küste vor Petersburg“ von Iwan Aiwasowski. Auf den ersten Blick könnte der am Bug seines Boots dösende Fischer, abgesehen vom zu großen Format, auch von Friedrich stammen, so horizontal klar sind der Streifen Sand im Vordergrund, die metallische Ostsee und der Himmel darüber gegliedert. Dessen pastellig rosafarbene Stimmung allerdings lässt aufmerken: Die auffällige Bestrahlung der Wolken von unten, das silbrige Licht hat sich Besuchern Petersburgs als Phänomen der Weißen Nächte unvergesslich eingeprägt.

Diese Atmosphäre hat der achtzehnjährige Aiwasowski mit weit geöffneten Augen und weggeschnittenen Lidern eingefangen, der das Bild 1835 im letzten von drei Lehrjahren an der Petersburger Akademie schuf. Aus der entgegengesetzten Himmelsrichtung von der Schwarzmeerküste stammend, hat der Armenier gerade die Differenz zu den im Studium als vorbildhaft vor Augen gestellten Friedrich und der Baltikküstenlandschaft vor seinen Augen präzis abgeglichen. Doch auch er blieb als Maler des unergründlichen Meeres zeitlebens ein rastloser Suchender, wie Friedrich, Blechen und Carus vor ihm.

Träume von Freiheit. Deutsche und russische Romantiker. Neue Tretjakow-Galerie Moskau; bis 2. September.

Staatliche Kunstsammlungen Dresden, State Tretyakov Gallery Moscow (Hg.)
Träume von Freiheit. Romantik in Russland und Deutschland
(erscheint 09/2021)

Beträge von M. Ackermann, H. Birkholz, S. Fofanov, M. Isserlis, L. Markina, Z. Tregulova, H. Wagner

Hirmer
360 Seiten
Hardcover mit 300 Abbildungen in Farbe
45 Euro
ISBN 978-3-7774-3582-4
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Dieser Beitrag ist ursprünglich erschienen am 5.5.2021 in der Frankfurter Allgemeine Zeitung / © Alle Rechte vorbehalten. Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH, Frankfurt. Zur Verfügung gestellt vom Frankfurter Allgemeine Archiv.