Kunstszene

Moskau emigriert in die Kultur

Gegen Repressionen: Moskau verfällt einem Kulturfieber und flüchtet sich in die Romantik

Adrian Ludwig Richter: Die Überfahrt am Schreckenstein
Moskau zwischen Repression und Träumen von Freiheit: Auch Adrian Ludwig Richters "Die Überfahrt am Schreckenstein" findet in der Tretjakow-Galerie romantische Bewunderer.

Die Mode­ra­to­ren des libe­ra­len Radio­sen­ders Echo Moskwy stel­len ihren Hörern heute eine Krea­tiv­auf­ga­be. Erfin­den Sie Schüt­tel­ver­se oder einen Witz mit den Worten „Unver­schämt­heit, Zynis­mus, Scham­lo­sig­keit“, animie­ren die Spre­cher ihr Publi­kum. Denn soeben hatte Russ­lands gerade entlas­se­ner Bevollmächtigter beim Euro­päi­schen Gericht für Menschen­rech­te, Michail Galpe­rin, auf Anfra­ge dieses Gerichts, warum russi­sche Jour­na­lis­ten wegen ihrer Kritik am Putin-Regime verhaf­tet und mit Straf­zah­lun­gen belegt worden seien, erklärt, diese Leute hätten bei ihren Kommen­ta­ren eine „Unverschämtheit, einen Zynis­mus und eine Scham­lo­sig­keit“ an den Tag gelegt, die die öffent­li­che Moral belei­dig­ten.

Das Humor­trai­ning solle auch von den drama­ti­schen Nach­rich­ten ablen­ken, merken die Mode­ra­to­ren an. Etwa davon, dass der libe­ra­le Poli­ti­ker Dmitri Gudkow wegen angeb­li­cher Pacht­schul­den verhaf­tet worden war und bei etlichen Verwand­ten Gudkows Haus­su­chun­gen statt­fan­den. Oder davon, dass der Oppo­si­ti­ons­po­li­ti­ker Andrei Piwo­wa­row, der die von Michail Chodor­kow­ski unter­stütz­te Initia­ti­ve „Offe­nes Russ­land“ gelei­tet hatte, aus dem Flug­zeug, das ihn nach Warschau brin­gen sollte, kurz vor dem Start heraus­ge­holt und Festgenommen wurde, ganz im Luka­schen­ko-Stil.

Piwo­wa­row droht wegen eines Face­book-Posts eine mehr­jäh­ri­ge Haft­stra­fe. Im Chat von Echo Moskwy tadelt eine Höre­rin die Mode­ra­to­ren, dass sie versuchten, eine heite­re Atmo­sphä­re zu erzeu­gen, während es Mitbür­gern schlecht ergehe. Verle­gen lachend bittet die Spre­che­rin die Kommen­ta­to­rin um Verzei­hung.

Die Repres­sio­nen ereig­nen sich vor dem Hinter­grund eines Kultur­booms. Moskau leis­tet sich synchron mehre­re Thea­ter-, Musik- und inter­dis­zi­pli­nä­re Festi­vals, zugleich erfül­len der betörende Duft und die Farben des blühen­den Flie­ders die Innen­stadt und erin­nern Kunst­lieb­ha­ber an die Flie­der­sträu­ße des stali­nis­ti­schen Malers Pjotr Kont­scha­low­ski (1876 bis 1956) aus poli­tisch ange­spann­ter Zeit. Weih­nachts­schmuck in Gestalt glit­zern­der gläser­ner Stalak­ti­ten, der über den Fußgän­ger­zo­nen rund ums Jahr hängen bleibt, fügt einen Hauch Winter­mär­chen­at­mo­sphä­re hinzu.

Im Pusch­kin-Museum, das Vasen, Wand­tep­pi­che und Skulp­tu­ren von Matis­se, Dufy und Denis zeigt, lauscht eine Gruppe junger Leute den Erläu­te­run­gen einer Exper­tin, vor dem Haus erklärt ein Archi­tek­tur­his­to­ri­ker Wissens­durs­ti­gen die Bauten der Umge­gend, in der Tret­ja­kow-Gale­rie treten sich die Besu­cher auf die Füße. Dürs­tet es diese Menschen nach substan­zi­el­ler geis­ti­ger Nahrung oder gar Trau­ma­the­ra­pie, wie viele meiner Gesprächs­part­ner über­zeugt sind?

In die Kultur emigriert

Er sei regel­recht in die Kultur „emigriert“, bekennt der Kunst­his­to­ri­ker Sergei Fofa­now, der in der Tret­ja­kow-Gale­rie die deutsch-russi­sche Roman­tik-Ausstellung mit dem Titel „Träume von Frei­heit“ mitkon­zi­piert hat. Der Rundgang beginnt bezie­hungs­reich mit einer Doku­men­ta­ti­on des geschei­ter­ten Aufstan­ds der Dekab­ris­ten 1825, die eine Verfas­sung für ihr Land forder­ten und die der staat­lich produ­zier­te Kino­film „Bund der Rettung“ („Sojus spase­ni­ja“) vor andert­halb Jahren als verwöhn­te Hipster-Verschwö­rer darstell­te, denen der fran­zö­si­sche Cham­pa­gner zu Kopf gestie­gen sei.

Fofa­now ärgert das. Die Ausstel­lung verdeut­licht, dass die meis­ten Dekab­ris­ten sich im Krieg gegen Napo­le­on hoch­ver­dient gemacht hatten und nicht woll­ten, dass ihr Land zu Leib­ei­gen­schaft, Justizwill­kür und Zensur zurück­keh­re. Doch auf dem Peters­bur­ger Senats­platz trat ihnen eine Mauer von Garde­sol­da­ten mit einem Stake­ten­zaun aus Geweh­ren entge­gen, wie ein Gemäl­de des Hofmalers Adol­phe Ladur­ner zeigt.

Heuti­ge Betrach­ter erin­nert es an die Sonder­po­li­zis­ten­for­ma­tio­nen, die die jüngs­ten russi­schen Protes­te nieder­schlu­gen. Und histo­ri­sche Infanteriegewehre verge­gen­wär­ti­gen, dass die Aufstän­di­schen mit den glei­chen Waffen nieder­ge­schos­sen wurden, mit denen sie zuvor Napo­le­on aus ihrem Land gejagt hatten.

Da poli­ti­sche Frei­heit ihnen verwehrt war, schu­fen die Künst­ler sich Frei­räu­me in der Fanta­sie, im Über­na­tür­li­chen und in wissen­schaft­li­chen Expe­ri­men­ten. Ein Gigant in dieser Hinsicht war der Univer­sal­ge­lehr­te Fürst Wladi­mir Odojewski (1803 bis 1869), der als Staats­be­am­ter, Lite­rat, Kompo­nist, Musik- und Elek­tro­nik­for­scher sowie kuli­na­ri­scher Alche­mist zahl­rei­che alter­na­ti­ve Tätig­keits­fel­der gleich­zei­tig kulti­vier­te.

Odojew­ski, den die Roman­tik-Ausstel­lung eigens würdigt, war ein Pionier der fantas­ti­schen Prosa, er machte Beet­ho­ven in Russ­land bekannt, schrieb mit „4338“ den ersten russi­schen Zukunfts­ro­man, in dem die Menschen das Erdklima mana­gen und die Boden­schät­ze des Monds ausbeu­ten. In Russ­land kennt man vor allem Odojew­skis Kinder­ge­schich­te von der „Klei­nen Stadt in der Tabaks­do­se“, in der ein klei­ner Junge ins Innere einer Musik­do­se gerät und dort sieht, wie deren Klänge von Hämmern erzeugt werden, die auf arme Glockenknaben einschla­gen – ein Bild der Gesell­schaft als fili­gra­ner Gewaltstruktur. Dennoch ist die Figur Odojew­skis, der Zeit­ge­nos­sen als „russischer Faust“ galt und der Pusch­kin und Dosto­jew­ski beein­fluss­te, heute weit­ge­hend verges­sen.

Stadt­no­ma­de mit Hoodie

Doch schon während des Corona-Lock­downs im vergan­ge­nen Jahr nahm sich auch das Gogol-Center von Kirill Sere­bren­ni­kow dieses geis­ti­gen Grenzüberwinders an und brach­te in diesem Früh­jahr, kurz nach­dem Serebrennikow die künst­le­ri­sche Leitung des Hauses abge­ben musste, ein Odojew­ski-Drama namens „Mensch ohne Namen“ („Tsche­lowek bes imeni“) heraus. Das von dem Drama­tur­gen Valeri Petsche­jkin, dem Pianis­ten Pjotr Aidu, dem Regis­seur Alex­an­dr Barmen­kow, dem Schau­spie­ler Nikita Kukusch­kin sowie Sere­bren­ni­kow gemein­schaft­lich erar­bei­te­te Stück versetzt in eine nachtschwarze, mit Klavie­ren, Labo­r­uten­si­li­en und Bild­schir­men möblier­te Unend­lich­keit, mit der dieser im 19. Jahr­hun­dert gebo­re­ne Renais­sance­mensch in Bezie­hung zu treten versucht.

Die Insze­nie­rung lebt von der protei­schen Wandel­bar­keit und expres­si­ven Akro­ba­tik Kukusch­kins, der, zunächst als Stadt­no­ma­de mit Hoodie, in seiner Zukunft – unse­rer Gegen­wart – Metro­sta­tio­nen seines Namens sucht, aber nur solche findet, die nach Pusch­kin, Lermon­tow, Dosto­jew­ski benannt sind. Doch schon trägt er einen elegan­ten Seiden­kaf­tan und versucht, im Schutz magi­scher Dämpfe und eines Acht­ecks­terns einen Homun­ku­lus zu zeugen, er bemut­tert Holz­ku­geln, als seien es Knaben­köp­fe, nimmt die Klavie­re ausein­an­der und dehnt ihre Saiten auf die ganze Bühnen­brei­te. Mit einem Silber­draht­ge­spinst um den Kopf verwan­delt er sich in den von ihm gelieb­ten Beet­ho­ven, der seine Isola­ti­on durch Taub­heit in seinem Werk durch­bricht.

Das Moskau­er Kultur­le­ben, das manche mit Pusch­kins Drama „Gelage während der Pest“ verglei­chen, bietet für jeden Geschmack etwas. In der Tret­ja­kow-Gale­rie tritt der oppo­si­tio­nel­le Rapper Iwan Alexe­jew alias Noize MC auf, dessen Konzer­te mehr­fach verbo­ten wurden, und bekennt sich zum „rebellischen Roman­tis­mus“, den er in der Ausstel­lung verherr­licht findet. Mit beson­de­rer Empha­se rappt Alexe­jew das Mandel­s­tam-Gedicht „Für den dröhnenden Helden­mut kommen­der Jahr­hun­der­te“, das 1931 die Protest­ly­rik des Dich­ters einlei­te­te, die ihn am Ende das Leben kosten würde, wie er dem Publi­kum erklärt. Die Leute jubeln ihm zu.

Im Pusch­kin-Museum wird zum Abschluss der Bill-Viola-Schau das Instrumentalstück  „Deserts“ von Edgar Varèse aufge­führt, auf das Violas Arbeiten Bezug nehmen, und zwar im Rahmen des Festi­vals „Kirsch­baum­hain“ (Bosco di Ciliegi), das die gleich­na­mi­ge russi­sche Luxus­fir­ma jedes Jahr abhält, weshalb die Besu­cher mit Prosec­co und Kirschen empfan­gen werden. Das Kunst­fest, das sich noch bis Novem­ber hinzie­hen wird, wirkt wie eine Antwort auf Tschechows „Kirsch­gar­ten“, denn statt Kirsch­bäu­me abhol­zen zu lassen, pflan­zen die Bosco-Fest­red­ner neue, oben­drein nicht Sauer- sondern Süßkirschen­bäu­me. Im Garten des Pusch­kin-Muse­ums pran­gen schon zwei Jung­pflan­zen.

Als nach vier Varèse-Auffüh­run­gen in Folge – das Publi­kum muss ja Distanz halten – der künst­le­ri­sche Leiter des Musik­ensem­bles den Schlag­zeug­ap­pa­rat per Klein­las­ter ins Konser­va­to­ri­um zurück­brin­gen will, ist es fast Mitter­nacht, doch zu Russ­lands Haupt­mu­sik­tem­pel ist kein Durch­kom­men, Park­plät­ze und Zufahrts­we­ge sind durch gepan­zer­te Luxus­jeeps blockiert. Denn im Rahmen des Bosco-Festi­val hat heute hier Placi­do Domin­go gesun­gen, der an manchen Orten der Welt nicht auftre­ten darf.

Aus dem Konzert­saal kommen teuer geklei­de­te Damen, die von Domin­go schwär­men, aber nicht sagen können, was er gesun­gen hat. Dafür trägt jede einen manns­ho­hen Kirsch­ba­um­setz­ling mit Spaten, das Geschenk an VIP-Gäste. „Diese Leute mit ihrem Geld und den unzu­frie­de­nen Mienen sind der Schim­mel der Gesell­schaft!“, entfährt es dem Musi­ker, der bittet, seinen Namen zu verschwei­gen. Um drei Uhr nachts hat er die Instru­men­te endlich im Fundus verstaut.

Dieser Beitrag ist ursprünglich am 7. Juni 2021 in der Frankfurter Allgemeine Zeitung erschienen. / © Alle Rechte vorbehalten. Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH, Frankfurt. Zur Verfügung gestellt vom Frankfurter Allgemeine Archiv.