Diversity United

Diversity United: Ist Europa noch zu retten?

Eine Ausstellung in Berlin zeigt, wie Kunst zum Dialog für bewahrendes Handeln aufrufen kann

von Stefan Trinks
Diversity United: Ekaterina Muromtsevas „Picket stehen“
Kunst, politisch: Ekaterina Muromtseva begann ihre Arbeit als Plakat, das sie nach der Verhaftung des Journalisten Iwan Golunow auf einer Demonstration tragen wollte.

Ob „Europa“ eine bloße Idee oder eine reale Entität ist, entscheidet sich gerade auch in der Kunst und Kultur, bei aller Uneindeutigkeit und allen Brüchen, die diese offenlegt. Die Ausstellung „Diversity United“ im Berliner Flughafen Tempelhof zeigt vierhundert derartig „gebrochene“ Statements zu Europa von neunzig Künstlern aus 34 Ländern, überwiegend europäischen, aber auch – Eurasien zieht sich als Kontinent bekanntlich bis Russland – viele ukrainische, baltische und russische Künstler sind mit großartigen Arbeiten beteiligt.

Sichtbare Diversität somit, vereint unter dem wohnblockhohen Dach der großzügig-stützenfreien Hangars 2 und 3 des einstigen Flughafens. Ursprünglich hätte die Ausstellung im November letzten Jahres 1806 Kilometer weiter östlich in der Moskauer Tretjakow-Galerie starten sollen, als Teil des Deutsch-Russischen Jahrs 2020/21. Die Pandemie vereitelte dies, und nun kamen auch noch politische Verwerfungen hinzu, die eine Moskauer Station vorerst in die Ferne rücken.

Hochpolitisch ist die Schau in den meisten ihrer künstlerischen Positionen und ihrer Organisation – der Bundespräsident persönlich hat die Ausstellung diese Woche eröffnet, und auf russischer Seite war entsprechend Putin als Schirmherr vorgesehen. Doch nun hat das russische Verbot zweier Nichtregierungsorganisationen, Deutsch-Russischer Austausch und Zentrum liberale Moderne, beides Unterorganisationen des die Schau kokuratierenden Petersburger Dialogs, zum Eklat geführt.

Eine Vorstandsvorsitzung im Juli wurde bereits abgesagt, aller Voraussicht nach wird Putin die Kriminalisierung der beiden Organisationen nicht zurücknehmen und damit die ihm wohl eher suspekte künstlerische Diversität nicht in Moskau gezeigt werden, sondern direkt weiter nach Paris gehen.

Zukunft: Trojanisches Pferd für Moskau?

Walter Smerling, Sprecher des Kuratorenkollektivs, sagte der FAZ: „Wir verbiegen uns nicht, wir wollen die Ausstellung so, wie sie in den zurückliegenden zwei Jahren konzipiert wurde, und ohne Abstriche in Moskau zeigen.“ Ein Rest Hoffnung auf eine Eröffnung in der Tretjakow-Galerie diesen November wolle er sich erhalten, denn „es gab in den letzten zwei Jahren mehrfach schwierige Probleme zu lösen“, und immer seien die von dem Dutzend Kuratoren in langwierigen Diskussionen ausgewählten neunzig Künstler dabei „Brückenbauer jenseits politischer Schwierigkeiten“ gewesen.

An großen Namen fehlt es auf den achttausend Quadratmeter Ausstellungsfläche nicht: etwa Mona Hatoum, Christian Boltanski, Anselm Kiefer, Alicja Kwade, Annette Messager, Wolfgang Tillmans, Gerhard Richter (von dem über dreißig faszinierende Übermalungen auf Fotos von Europareisen zu sehen sind), Ugo Rondinone, Katharina Sieverding oder Rosemarie Trockel.

Tatsächlich offenbart sich die Wirkungsmacht der Kunst aber vor allem – es schmerzt zu schreiben – bei jenen jüngeren Künstlern, die in repressiven Systemen etwas zu verlieren haben oder denen gar Verhaftung und Schlimmeres droht. Als eine Art trojanisches Pferd hätte die Schau so in Moskau doppelt stark wirken können.

Doch selbst im seligen Berlin sind die fast lebensgroßen blutroten Aquarellfiguren „Picket“ der in Moskau geborenen und dort arbeitenden Ekaterina Muromtseva mit die stärksten Werke der Schau. Vor ihren mit Farbe zugelaufenen Leibern halten sie jeweils ein leeres weißes Transparent. Muromtseva begann die Arbeit als Plakat, das sie nach der Verhaftung des Journalisten Iwan Golunow auf einer Demonstration tragen wollte.

„Picket stehen“ ist dabei eines der vielen Worte im Russischen, dass aus dem Deutschen entlehnt wurde. Nur ein Plakat vor dem Körper ist erlaubt, die oft in der unbarmherzigen Kälte stehenden Demonstrierenden wechseln sich über Tage hinweg ab. Automatisch beteiligen sich auch die umstehenden Betrachter im Hangar mit den Figuren an der stillen, bildmächtigen Demonstration gegen die russische Einschränkung von Freiheitsrechten.

Vergangenheit: Nachsinnen über Europas Geschichte

Lucy und Jorge Orta markieren gleich hinter dem Eingang (mit penetranter Gelblichtbestrahlung von Olafur Eliasson) die historische Dichotomie zwischen europäischem Nomadentum und „nationaler“ Sesshaftwerdung mit fahnenbestickten Zelten; ihre Arbeit „Antarctic Village“ spiegelt den aktuellen Run auf die letzte (noch) nationenfreie Zone der Erde.

Zum langen Nachsinnen anregende historische Zugänge zu Europas und Eurasiens Geschichte bietet etwa die Künstlergruppe Slaws and Tatars, wenn sie auf trügerisch goldschimmernden Tafeln die Genealogie und Namensänderung eurasischer Städte wie des bulgarischen Plowdiws über Jahrtausende nachvollzieht (von Eumolpius, durch Alexander des Großen Vater Philipp gegründet, über die römische Umbenennung in Trimontium bis zu Paldin und eben Plowdiw) und so den Aufstieg und Fall von Weltreichen, Staaten und Bevölkerungsgruppen sichtbar macht.

Oder der obsessive Geschichtsmythologe Anselm Kiefer. Von ihm ist die eigentlich nie sein Atelier verlassen sollende raumgroße Installation „Winterreise“ (2015 bis 2020) aufgebaut, im Ursprung ein Bühnenbildprojekt für die Opéra Garnier in Paris, die eine Reise durch Europa auf den Spuren der Romantik bietet. Ist schon der Titel der eindrucksvollen Installation eine Anspielung auf Franz Schuberts romantischen Liederzyklus von 1827, zeigen die pastos gemalten Pilze, das Unterholz und die gesamte in mehreren Schichten aufgebaute theatralische Landschaft von „Winterreise“ eine in Europa diffundierende Romantik, die wesentlich durch die in Kreidelettern verewigte Madame de Staël in Frankreich und Deutschland verbreitet wurde.

Gegenwart: Antworten auf drängende Fragen

Ebenso finden sich aber auch die Namen Heinrich Heines, Carl Schmitts und anderer Geisteshelden Kiefers. Denkbar unromantisch endet die Winterreise an einem mit Blei überdeckten Bett im Mittelgrund, das mit „Ulrike Meinhof“ beschriftet und auf das eine rostig antiquierte AK-47 gelegt ist. Und selbst die altmeisterlich in Bluttönen gemalten, allerdings manipulierten Napoleon-Bilder des in Schanghai geborenen, aber seit dreißig Jahren in Paris lebenden chinesischen Künstlers Yan Pei-Ming gewähren einen aufschlussreichen Blick auf Europa von außen.

Darüber hinaus zeigt die Schau äußerst heterogene, in fast durchweg überzeugende künstlerische Form gebrachte Antwortversuche auf drängende Fragen der Gegenwart wie Öko- und Migrationskrise, auf politischen Vertrauensverlust insbesondere in Russland und der Türkei sowie auf die europäische Vergangenheit und Zukunft, die nur länderübergreifend angegangen werden können.

So hat das Schlusswort in der an Polit-Floskeln erfreulich armen Einleitung des Katalogs folgerichtig der Künstler Günther Uecker: „Kunst kann die Menschen nicht retten, aber mit den Mitteln der Kunst ist ein Dialog möglich, der zum bewahrenden Handeln des Menschen aufruft.“ Möge dieser Dialog auf Augenhöhe und mit Respekt vor den Künstlern demnächst doch in Moskau möglich sein.

Diversity United. Zeitgenössische Kunst aus Europa

Im Flughafen Tempelhof, Berlin; bis zum 19. September.
Der Katalog ist im Wienand Verlag erschienen und kostet 19 Euro.

Dieser Beitrag ist ursprünglich am 11.6.2021 in der Frankfurter Allgemeine Zeitung erschienen. / © Alle Rechte vorbehalten. Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH, Frankfurt. Zur Verfügung gestellt vom Frankfurter Allgemeine Archiv.