Alexej von Jawlensky

Alexej von Jawlensky: ‚Meine Kunst ist ein Gebet‘

Alexej von Jawlensky reifte in Wiesbaden zum eigenständigen Maler, allen Rückschlägen zum Trotz

von Johanna Pfund
Alexej von Jawlensky Selbstbildnis (Ausschnitt), 1912
Alexej von Jawlensky: Selbstbildnis (Ausschnitt), 1912

Man erwarte ihn schon in Wiesbaden, schreibt Alexej von Jawlensky 1921 an den Schweizer Sammler Karl Im Obersteg. In dem kurzen Satz steckt weit mehr als eine bloße Nachricht, darin liegt die große Hoffnung auf einen Neuanfang. Der Maler befindet sich an einem Scheideweg, die Beziehung zu Marianne von Werefkin ist nach Jahrzehnten endgültig am Ende, das gemeinsame Leben in der Schweiz in der Ménage-à-trois mit dem Dienstmädchen Helene Nesnakomoff, Mutter seines 1902 geborenen Sohns, nicht mehr zu halten.

Wie verheißungsvoll wirkt dagegen der Kurort Wiesbaden. Dort werden Jawlenskys Bilder gerade in einer Ausstellung im Nassauischen Kunstverein und im Neuen Museum gefeiert, mehr als in Frankfurt am Main, Berlin oder München, mit Heinrich von Kirchhoff steht ein Sammler und Mäzen bereit, dank der rührigen Vermittlerin und Organisatorin Galka Scheyer. „Hier liebt und versteht man Ihre Kunst wirklich“, schreibt sie ihm. Wer wollte nicht dorthin ziehen, wo man verstanden wird und willkommen ist?

Auch künstlerisch steht Jawlensky am Beginn einer neuen Phase. Noch in den Jahren in der Schweiz hatte er begonnen, Köpfe zu malen, in Serie. Was Claude Monet die Seerosen waren, werden dem Russen die kräftig farbigen „Variationen“, die „Meditationen“, die in Pastell gehaltenen „Heilandsgesichter“. Auch Stillleben und Landschaften malt er in immer neuen Varianten. Zu diesem Zeitpunkt hat der Maler schon einen langen Weg hinter sich.

1864 in Torschok geboren wird der junge Jawlensky zunächst Soldat, so wie es in der Familie üblich ist. Doch die Kunst interessiert ihn. In Sankt Petersburg hat er 1892 zwei wegweisende Begegnungen. Zum einen studiert er bei Ilja Repin, zum anderen trifft er dort die vier Jahre ältere, bereits anerkannte Malerin Marianne von Werefkin, mit der er von da an fast 30 Jahre lang sein Leben in der einen oder anderen Form teilt. 1896 verlassen die beiden Russland und damit die realistische Malerei. München wird der Neuanfang.

Bei Kandinsky im „Russenhaus“

Hier nimmt Jawlensky viele Impulse auf. Da ist der von Werefkin gepflegte Salon in der gemeinsamen Wohnung in der Giselastraße, er nimmt Kurse bei Anton Ažbe, er reist nach Paris. Er setzt sich auseinander mit dem vibrierenden Pinselstrich Vincent van Goghs, was in seinem Gemälde „Sommertag“ von 1907 deutlich sichtbar ist. Aber auch Paul Cézanne, Paul Gauguin und die deutschen Expressionisten hat Jawlensky im Blick.

Dabei ist der Maler keiner, der seine Überzeugungen laut vertreten würde. Den Charakter Jawlenskys schildert Lisa Hohorst, die das Künstlerpaar vor dem Ersten Weltkrieg wiederholt in München besucht, im Jahr 1947 so: „Jawlensky erweckte den Eindruck von einem russischen Grandseigneur: er war von einer natürlichen Vornehmheit, selbstverständlichen Ritterlichkeit, bei aller seelischen Bewegtheit, von einer seltenen Selbstbeherrschung, er schien immer ausgeglichen, sprach wenig, im Gegensatz zu M. v. Werefkin, die mit ihrem sprühenden Esprit, ihrem geistigen Charme eine ganze Gesellschaft in Atem halten konnte.“

Die Rolle des ruhenden Pols scheint Jawlensky auch in den später berühmt gewordenen Aufenthalten zwischen 1908 und 1910 im oberbayerischen Murnau gespielt zu haben, in der kleinen Villa von Gabriele Münter und Wassily Kandinsky, die als „Russenhaus“ in das Gedächtnis des Ortes eingegangen ist. Gemeinsam mit Münter und Kandinsky treiben Werefkin und Jawlensky hier die Entwicklung der Malerei voran. Farbflächen kommen ins Spiel, starke Konturen, Reminiszenzen an japanische Farbholzschnitte.

Wie Jawlensky all die Einflüsse vereint und daraus seine Malerei formt, zeigt die „Dame mit Fächer“, die er 1909 malt. Kräftiges Orangerot umhüllt eine weitgehend in Blau-Violett gekleidete junge Frau, die entrückt nach unten blickt, in sich gekehrt.

Im selben Jahr 1909 wird die Neue Künstlervereinigung München gegründet, der zunächst beide Paare angehören; Kandinsky verlässt sie später nach einem Streit. Der weitaus größere Bruch aber kommt von außen: Der Erste Weltkrieg zwingt Jawlensky und Werefkin gemeinsam mit Helene und dem Sohn Andreas zur Flucht in die Schweiz.

Neuanfang und Tod in Wiesbaden

Nach diesen unruhigen Jahren scheint der Neuanfang in Wiesbaden vielversprechend. Hier heiratet Jawlensky 1922 Helene. Auch Gönnerinnen stehen parat: Tony Kirchhoff, Hanna Bekker vom Rath, die für den häufig unter Geldsorgen leidenden Maler die „Vereinigung der Freunde der Kunst Alexej von Jawlenskys“ gründet, und schließlich Lisa Kümmel, die den zunehmend kranken Mann täglich besucht und ihm beim Ordnen seiner Werke hilft.

Allen Hindernissen zum Trotz treibt Jawlensky das Spiel voran, immer gleiche Motive mit winzigen Nuancen grundlegend zu ändern. Die Heilandsgesichter etwa unterscheiden sich nur in wenigen Details. Mal ein orangefarbenes Karree als Auge, gepaart mit einem zweiten Auge in Form eines schwarzen Ovals. Es folgen die „Abstrakten Köpfe“, dann, als er wegen seiner Arthritis den Pinsel kaum noch halten kann, die kleinformatigen „Meditationen“.

Diese spiegeln Jawlenskys Zustand. Galka Scheyer müht sich in den fernen USA, Käufer für die von ihr vermarkteten „Blauen Vier“ (Jawlensky, Kandinsky, Klee, Feininger) zu finden, ist aber nur beschränkt erfolgreich. Das Aufkommen des Nationalsozialismus verschärft die Sorgen.

1930 wird Jawlensky von einer Ausstellung deutscher Künstler ausgeschlossen, weil er Russe ist. Er beantragt die Einbürgerung, die ihm interessanterweise 1934 gewährt wird. Vor dem Ausstellungsverbot bewahrt ihn das nicht.

Seit 1937 ist Jawlensky auch noch an den Rollstuhl gefesselt. Wie dies auf seinen Gemütszustand wirkt, lässt sich unschwer an den Meditationen ablesen, die wie eine Synthese seines Lebens wirken. Sie vereinen die Ikonen Russlands mit der Farbigkeit eines Gauguin und der Abstraktion. Mit nur wenigen Strichen, meist in dunklen Farben, malt Jawlensky Gesicht um Gesicht. Sie heißen „Erinnerung an meine kranken Hände“, oder „Winternacht, wo die Wölfe heulen“. Der Schmerz ist sichtbar. Am 15. März 1941 stirbt der Künstler in Wiesbaden.

Wie er sein Werk sah, das schrieb er 1932 an Hanna Bekker vom Rath: „Es war bei mir Herr Kallei, ein Ungar, Kunstschriftsteller, Feinfühlender, weiss viel. Hat über meine Köpfe gesagt: sehr schön, sie sind ein geborener Kolorist! Nein, es ist zu wenig. Ich bin ein religiöser Mensch. Meine Kunst ist ein Gebet. Ikona.“

Museum Wiesbaden:
Alles! 100 Jahre Jawlensky in Wiesbaden
Bis zum 27. März 2022

Dieser Beitrag ist ursprünglich erschienen in: Süddeutsche Zeitung, 8.10.2021 / Alle Rechte vorbehalten: Süddeutsche Zeitung GmbH, München