Nenzen

Nenzen: Wenn Tradition das Leben diktiert

Anna Nerkagis „Weiße Rentierflechte“ ist der erste Roman einer Nenzin in deutscher Sprache

Nenzen in der Tundra bei Dudinka
Klare Rollenverteilung: Die Frau versorgt die Familie, der Mann die Tiere, die den Schlitten ziehen und das Leben der Nenzen bestimmen

Der Roman beginnt mit den Vorbereitungen auf eine Hochzeit. Der Bräutigam ist alles andere als froh über das Bevorstehende. Die Metapher, die schon im ersten Absatz das Unglück des jungen Mannes wiederzugeben versucht, klingt wie aus einer anderen Welt: „Auch der allerschlimmste Kummer darf den Lauf des Lebens nicht aufhalten, genauso wie ein großer Stein, der in einen Fluss geworfen wird, den Flusslauf nicht umkehrt. Das Wasser umfließt den Stein und nimmt seinen Lauf wieder in die vorbestimmte Richtung.“

Sofort macht Anna Nerkagi deutlich, dass ihr Roman „Weiße Rentierflechte“ zwar ein Gegenwartsroman ist, aber in einer anderen Lebensumgebung spielt. Dort, wo Eltern nach alter Sitte die Braut auswählen und eine Liebesheirat nur im seltensten Fall geschieht. Der Leser wird mittels der Geschichte eingeführt in die Kultur der Nenzen.

Es handelt sich um ein Volk, das einst sein Leben fast ausschließlich mit Rentierzucht bestritten hat. Es ist im sibirischen Norden zuhause, der größere Teil auf der Halbinsel Yamal. Etwas mehr als 40 000 Nenzen gibt es, davon sind fünf- bis sechstausend nomadisierende Rentierzüchter. Sie müssen durch das Land ziehen auf der Suche nach den besten Lebensbedingungen für die Rentiere: im Frühjahr ist das Futter hier gut, im Sommer sind dort die wenigsten Mücken, im Winter bietet naher Wald Schutz vor Sturm und Kälte. Es sind fast eine Million Tiere, die sie heute versorgen.

Die bedrängte Kultur der Nenzen

Die Bedingungen der Natur und der Rentierzucht haben in Jahrhunderten bei den Nenzen eine eigene Kultur geprägt. Sie passt nicht immer ins Leben von heute. Zumal es sich in der Gegenwart rasant verändert: Erdöl, aber vor allem Erdgas wird gefördert und versperrt manchen Rentiertrail und der Klimawandel beginnt, den Permaboden aus dem ewigen Frost zu reißen. Der andere Teil der Natur, der auf Wandel drängt, ist der Mensch.

Aljoschka rührt die Frau, die man für ihn ausgesucht hat, nach der Hochzeit Wochen und Monate nicht an. Er verletzt damit zutiefst seine Mutter, aber vor allem das angetraute junge Mädchen. Einmal in seinem Leben hat Aljoschka ein Gefühl der Liebe erlebt. Aber diese Frau ist bereits sieben Jahre aus der Region der Nenzen verschwunden und lebt – wie so viele junge Leute – irgendwo in Russland, hat vielleicht studiert und eine Familie und sich von ihrem Volk verabschiedet.

Anna Nerkagi

Weiße Rentierflechte

Aus dem Russischen von Rolf Junghanns. Mit Fotos von Sebastião Salgado und einem kleinen ABC des nenzischen Lebens

Faber & Faber
140 Seiten
Hardcover
20 Euro
ISBN 978-3-86730-197-8
Zum Verlag

Anna Nerkagi, Jahrgang 1952, ist selbst eine Angehörige der Nenzen. Sie hat zunächst den üblichen Lebensweg der Kinder dort durchlaufen: mit sechs Jahren Trennung von den Eltern für die Schulausbildung. Nach ihrem Studium hat sie wieder als Nomadin gelebt, später selbst eine Nenzen-Schule in der Tundra gegründet und geführt, was sie noch heute macht. 1977 debütierte sie als Schriftstellerin mit einer autobiografischen Erzählung. Der Roman „Weiße Rentierflechte“, der gerade im Verlag Faber & Faber in Leipzig erschienen ist, entstand 1996.

Totale Unterordnung der Frauen

Die Autorin führt nicht einfach den Konflikt einer alten mit einer neuen Kultur vor, sondern sie steht als Betroffene dieses Konflikts der Seite ihrer Vorfahren nahe. Der Leser wird mitgenommen in den Tschum, so heißt das kegelförmige Wohnzelt, von Aljoschka, seiner Mutter und jetzt auch seiner jungen Frau. Man ist dabei, wie die Frauen das Feuer bewahren und in totaler Unterordnung das Leben der Männer bedienen.

Deren harter Kampf für die Rentiere-Herde steht auf der anderen Seite des Romans. Darin eingebettet der Konflikt des jungen Mannes, der sich den nenzischen Traditionen verweigert, weil er natürlich weiß, wie in der Welt außerhalb ihres Kulturbezirks gelebt und geliebt wird.

Ein Konflikt, den wir beim Zusammenstoß von Lebensvorstellungen verschiedener Generationen auch bei uns kennen, aber lange nicht mehr in so archaischer Form. Außerdem endet er in unserer Welt zumeist mit der Kapitulation der alten Regeln vor den Lebenswünschen der Jungen.

Nerkagis Verteidigung der Tradition

Das ist in Anna Nerkagis Roman nicht der Fall. Sie schreibt aus dem Innenblick der nenzischen Tradition heraus, wo das Rentier die Wurzel allen Lebens und auch der Seele ist und die Götter in der Natur zuhause sind, weshalb die Bewahrung der Natur als oberstes Gesetz gilt.

Nerkagis Verteidigung der Tradition ist im Roman an mancher Stelle nicht unproblematisch. Als die Frau des Nachbarn grob und wenig mitfühlend einen alleinstehenden alten Mann aus ihrem Zelt verweist, nimmt ihr Mann den Gürtel und schlägt seine Frau, die die Strafe klaglos hinnimmt. Der Geist dieses ungetrübten Patriachats lautet: „Der Mann hat das Recht auf den Weg, von dem er zurückkehren kann, und gut ist es, wenn er erwartet wird.“ Punkt, aus.

Auf der einen Seite ist es ein großes Erlebnis, wie die Autorin den Schutz alter Lebensweisen zu ihrer Aufgabe macht; auf der anderen verliert sich unter diesem etwas fundamentalistischem Ansatz der Versuch, das Neue zu integrieren.

Immer wieder ringt Aljoschkas Mutter damit, sich ihrem Sohn unterzuordnen und dessen Absage der Tradition zu beschweigen. Gerade als sich in mir Widerspruch gegen das von der Autorin vorgeführte Frauenbild sammelte, entsteht am Ende des Romans hier die größte Bewegung. Die Mutter verlangt von ihrem Sohn nicht offen die Unterwerfung unter die Tradition, aber sie beschämt ihn, indem sie der Schwiegertochter eine liebevolle Beschützerin und Freundin wird. Die junge Frau blüht auf, so dass auf den letzten Seiten im Sohn allmählich ein Gefühl der Liebe wächst.

In dieser Dreier-Beziehung der beiden Frauen mit dem Sohn liegt die literarische Leistung, die den Roman auszeichnet. Hier findet eine wirkliche Auseinandersetzung mit dem Leben der Altvorderen statt, in der beide Seiten eine Chance haben. An anderer Stelle hätte man sich mehr Zwischentöne beim Zusammenprall von Altem und Neuem gewünscht.

Es kann nicht immer nur der Teufel Alkohol sein, der auf jene wartet, die das Nomadenleben aufgeben. Im Roman sagen sich die erwachsenen Kinder, die das Land der Nenzen verlassen haben, von ihren Pflichten gegenüber den Eltern los, besuchen sie nicht mehr oder kommen nur auf einen Sprung vorbei, um das Erbe vorfristig abzuholen.

Am Ende des Romans wird deutlich, dass die Autorin schon im ersten Absatz die Richtung entschieden hat: „Das Wasser umfließt den Stein und nimmt seinen Lauf wieder in die vorbestimmte Richtung.“ So einfach wird es nicht sein.