Unbedingt lesen

Kinder, Krieg und Kommunisten

„Junischnee“: Ljuba Arnautović über österreichische „Politemigranten“ in der UdSSR

Macht den Rezensenten dankbar.: Ljuba Arnautović

Dem Schriftsteller Michael Ende wird der Satz zugeschrieben: Wer keine Vergangenheit mehr hat, der hat auch keine Zukunft. Der Gedanke existiert in ähnlicher Formulierung sehr oft, so dass ihm nicht zu widersprechen ist. Die beiden Romane von Ljuba Arnautović „Im Verborgenen“ und – gerade erschienen – „Junischnee“ bestätigen ihn und machen mich als Leser dankbar.

Die Autorin ist 1954 im russischen Kursk geboren, die Stadt, die einst die größte Panzerschlacht des zweiten Weltkriegs gesehen hat. Heute lebt sie Wien, der Stadt, in der 1925 ihr Vater geboren wurde. In Wien beginnt der Roman.

Im März 1934 gab es in Österreich einen Bürgerkrieg: Kommunisten und Sozialisten gegen Austrofaschisten, Schutzbündler gegen Heimwehr. Unter Bundeskanzler Dollfuß, Kanzler mit Mussolinis Rückendeckung, begann die Verfolgung der Schutzbündler, oft auch ihrer Familien.

Um ihre Kinder in Sicherheit zu bringen, brachte man viele über Prag nach Moskau. Sie verließen Prag in einem geschmückten Sonderzug. Die internationale Solidarität der Genossen. Doch die reichte nur bis 1939. Dann wurde das Kinderheim Nr. 6 in Moskau aufgelöst und das Martyrium begann.

Seit 1938 galten die österreichischen Kinder als Deutsche und Deutschland, das war Hitler. Mit ihm hatte Stalin einen Pakt geschlossen, aber der verhinderte 1941 nicht den Überfall auf die Sowjetunion. Vielfach begann jetzt die Rache an den Emigranten.

Die Lebensgeschichte der Eltern

Ljuba Arnautović verfolgt in diesen historisch bewegten Jahren die Lebensgeschichte ihrer Eltern, des Wiener Vaters und der russischen Mutter, bis zurück zu den Großeltern. Vieles, was in dieser Doku-Fiktion erzählt wird, handelt von zutiefst menschlichem Leid.

Karl, der Vater, ist mit seinem drei Jahre älterer Bruder in die Sowjetunion gekommen. Als das Kinderheim aufgelöst ist, werden sie zu Moskauer Straßenkindern. Wiederholt werden sie aufgriffen.

Bei einem der Verhöre durch das berüchtigte NKWD, die sowjetische Geheimpolizei, wird Karl so lange gefoltert, bis er sich schuldig bekennt, Hetze gegen die Sowjetunion betrieben zu haben. Nichts stimmt, aber die Widerstandskraft ist gebrochen.

Für etwas Nicht-Begangenes wird er 1943 zu zehn Jahren Lagerhaft in Sibirien verurteilt, von der ihm kein einziger Tag erlassen wird. Der Tag seiner Freiheit fällt mit Stalins Tod zusammen. Das einzige Licht der letzten Jahre ist Nina, die im Lager in der Küche arbeitet. Zu ihr reist Karl nach seiner Entlassung, und sie heiraten.

Dass ihre Erstgeborene die Autorin ist, wird nicht ausdrücklich erwähnt. Der fast 200-seitige Roman schöpft aus der Familiengeschichte, der österreichischen und der russischen Linie, wird aber nicht in ein psychologisch-situatives Erzählen aufgelöst, sondern behält lange den Ton einer Legende. Dabei handelt es sich nicht um eine Legende vom Glück ohne Ende.

Als Karl und Nina Mitte der 50er-Jahre, Österreich ist gerade von der Sowjetunion die Unabhängigkeit zugestanden worden, ihre Übersiedlung nach Österreich schaffen, beginnt neues Unglück. Nina fühlt sich in Wien nicht wohl, das Heimweh zieht sie zurück, aber sie darf ihr Kind nicht mitnehmen.

Es beginnt ein Kampf um das Kind. Sie verliert und geht allein wieder nach Kursk, ist schwanger. Der Vater hört nicht auf, sie in den Westen zu locken. Nina macht es schließlich, kehrt zurück nach Wien, ahnt nicht, dass die Werbungen nur ein Trick sind.

Karl lebt inzwischen mit einer anderen Frau, die auch in russischer Lagerhaft war und deshalb keine Kinder mehr bekommen kann. Karl und die andere Frau möchten die Kinder von Nina trennen und an Stelle gemeinsamer annehmen.

Kein Happy end

Keine der Beziehungen endet glücklich. Nina bleibt diesmal zwar in Wien, der Vater ihrer beiden Töchter trennt sich nach zwei Jahren von seiner neuen Frau, die Kinder kommen ins Heim, er geht nach München, heiratet dort ein drittes Mal. Ihr Unglück hat sich in ihnen ausgebreitet und wirkt wie eine Krankheit, die sie aus Russland mitgebracht haben.

Karl bekommt in den sechziger Jahren Kontakt zu seinem Vater, der seit der Kriegszeit als verschollen galt. Als der Sohn erzählen will, wie es ihm in der Sowjetunion ergangen ist, will der Vater es nicht hören und sagt: „Du wirst mich nicht abbringen, Karli, ich bin Kommunist und das bleibe ich.“ Karl antwortet: „Ich bin doch auch Kommunist.“ Sie glauben es. Über Politik wird nie mehr geredet.

Die Berechtigung des Glaubens wird vom Verlauf ihres Lebens immer wieder angezweifelt. Als persönliche Wahrheit kann ihr nicht widersprochen werden. Bitter bleibt sie dennoch.

Keine Wiedergutmachung

Auch Österreich hat den zurückgekehrten „Politemigranten“, deren Eltern sich für österreichische Freiheit eingesetzt haben, keine Wiedergutmachung widerfahren lassen. Ihr Land hat sie mit den Traumata und gesundheitlichen Spätfolgen, die sie sich im anderen Land zugezogen haben, alleingelassen. Auf den heißen folgte der kalte Krieg.

Ljuba Arnautović hat schon in ihrem ersten Roman „Im Verborgenen“, mit dem sie als über Sechzigjährige debütiert hat, dieses Thema aufgegriffen. Weil ihre Familie von diesen Schicksalen geprägt ist, erzählt sie von jenen, die gegen den Krieg Menschlichkeit und Würde bewahrt, dafür keinen Lohn erhalten haben und manchmal noch zum Opfer wurden.

In ihrem Roman „Im Verborgenen“ erzählt sie vom stillen Heldentum ihrer Großmutter, die Menschen vor den Nazis versteckte. Es geschah zu einer Zeit, als ihre beiden Söhne in der Sowjetunion Stalins um ihr Leben zu fürchten hatten.

Der Leser begegnet keinem Roman, der durch den Glanz seiner Sprache auffällt, sondern durch den Anspruch, Zeugenschaft vom 20. Jahrhundert zu geben. Dieser Anspruch ist eindrucksvoll eingelöst. Vielleicht sogar dadurch, dass er den Glanz der Sprache gar nicht anstrebt, sondern mit Schlichtheit und Lakonie die Ungeheuerlichkeit des Erzählten wirken lässt.

Ljuba Arnautović

Junischnee

Zsolnay Verlag
192 Seiten
Hardcover
22 Euro
ISBN 978-3-552-07224-4
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